Neulich war ich auf einer Zeitreise. Die Kreuzberger Wiener Str. 17 – im Hinterhof ein Fachwerkhaus mit Scheunentoren und uralten Heidelberg Druckmaschinen. Hendrik Liersch betreibt Buchdruck mit beweglichen Lettern, die tw. per Hand und tw. an einer der alten Maschinen gesetzt werden. Überall Schubladen mit Schrifttypen, Dosen mit Schmiermitteln, Druckstöcke und gerahmt Kunst an weiß getünchten Wänden. Für jedes Buch werden die Buchstabenblöcke neu in Blei gegossen und müssen dann mühsam (in Spiegelschrift) quasi Korrektur gelesen werden, bevor gedruckt werden kann. Ich war total fasziniert. Auch spürbar, wie anders diese Welt des (Kunst-)Handwerks getaktet ist. Ich hatte mich über Messenger angekündigt, die Bekanntschaft besteht über Petrus Akkordeon, der bei Hendrik druckt und so komme ich also direkt in die Druckerei bewaffnet mit Neugier und meinem Fotoapparat.

Hendrik führt mich herum und zeigt mir eine Auswahl der wunderschönen Bücher, die er bereits gedruckt hat. Dazu erklärt er mir, ob das per Handsatz oder Maschinensatz gemacht wurde und warum genau dieser oder jener Font zum Einsatz kommt. Er zieht Schublade um Schublade auf, zeigt mir Buchstaben, die schon 150 Jahre alt sind, vollkommen verschnörkelt, was man heute gar nicht mehr sieht. Dann riesengroße Buchstaben für den Plakatdruck, aus Blei, Kunststoff oder sogar Holz. Ich ziehe ein hölzernes „A“ heraus und lege es auf meine Handfläche. Es ist warm, glatt und nicht sehr schwer. Wer weiß, auf wie vielen Plakaten es schon zum Einsatz kam. 🙂

hendrik

Letztendlich kaufe ich das Kunstbuch, für das ich gekommen bin: „Quack, die Ente“ von Titanic-Mitbegründer F.W. Bernstein mit Zeichnungen von Petrus Akkordeon. Der Preis tut ein bisschen weh, aber ist es eben auch wert. Alle wunderschönen Zeichnungen (eigentlich Linolschnitte) signiert und ein großes Buchformat (27/37 cm, 40 Seiten). Hinzu kommt, dass F.W. Bernstein mittlerweile recht alt ist und ich fürchte, dass dies vielleicht eines seiner letzten kleinen Projekte sein könnte. Hendrik schenkt mir noch zwei kleinere Bücher dazu. Was für ein Ausflug in eine unbekannte Welt. Eine Welt, in der die Dinge ihre Zeit brauchen, ohne Meetings, dafür mit Augenmaß und Freude am Tun. Und das Schönste: Am Ende hält man ein wunderschönes Produkt in den Händen – eigentlich für die Ewigkeit.

Im Grunde sind es diese Momente, die mich in letzter Zeit mehr und mehr in eine „Sinnkrise“ stürzen. Ich bin irgendwann in den Trott einer irgendwie sinnentleerten Arbeitswelt gelangt. Dabei bin ich ja durchaus in der glücklichen Lage, „eine Wahl“ zu haben. Ich kann all meine Energie darauf verwenden, um möglichst hoch auf der Karriereleiter zu kommen. Ich kann mich aber auch für einen Weg entscheiden, der mich wieder zurück zu dem bringt, was mir Freude bereitet. Viele andere Menschen hätten diese Wahl erst gar nicht.

Warum also fällt es dann so schwer, den eingeschlagenen Weg zu verlassen? Hat mich das starre Raster der Arbeitswelt phantasielos und ängstlich gemacht? Über Jahrzehnte habe ich dem Mantra gedient „du musst es zu etwas bringen, sonst wirst du arm“. Das Selbstbewusstsein schöpfe ich aus dem, was ich beruflich tue, nicht aus dem, was ich bin. Leistung – Leistung – Leistung. Das Privatleben ordne ich der Arbeit unter und mein Geist kennt nur die linke Gehirnhälfte. Erst seit ein paar Wochen besucht er vermehrt seine Brüdern und Schwestern auf der anderen Seite , der Seite der Kreativität, der Neugier und der Gefühle. Ich möchte nicht sagen, dass es dadurch einfacher würde. Nein. Aber zum ersten Mal in sehr langer Zeit, stelle ich den ach-so-normalen-Weg grundlegend in Frage. Allerdings weiß ich noch nicht, an welcher Weggabelung ich abbiegen werde.

Links:
http://www.corvinus-presse.de
https://www.perlentaucher.de/autor/f-w-bernstein.html

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