Erste Liebe Teil 8./ 8

Es fühlte sich an wie früher, wenn wir gemeinsam in Urlaub fuhren. Doch Marc und ich waren beide traurig, denn diese Fahrt im August 1987 von Berlin nach Paris und dann weiter nach London sollte unsere Abschiedsfahrt werden. Wir sprachen nicht viel, während wir fuhren. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie Traurigkeit in meine Augen stieg. Ich wandte mich dann ab und blickte einige Minuten starr aus dem Seitenfenster, damit meine Tränen unentdeckt die rechte Wange hinunterlaufen konnten.

Die 2CV (Döschwo) war mein erstes eigenes Auto. Ich hatte die Ente für 300 DM von einem Freund gekauft und nochmal 500 DM für Schweißarbeiten investiert, damit sie durch den TÜV kam. Es stimmte zwar: Komfortabel war sie nicht. Dafür konnte man aber das Dach wie den Deckel einer Sardinendose nach hinten rollen, die Seitenfenster wie kleine Flügel hochklappen und vorn die Lüftungsklappe hochstellen. Wenn dann die Sommerluft von allen Seiten ins Wageninnere rauschte und in unsere Kleidung fuhr, war es einfach ein verdammt tolles Gefühl.

Als wir abends bei Marcs Eltern ankamen, war dieses tolle Gefühl allerdings verflogen. Vater Testa stand in der Tür, begrüßte seinen Sohn, aber sprach kein Wort mit mir. Stattdessen zog er seine buschigen schwarzen Augenbrauen hoch und spießte mich mit seinen stahlblauen Augen grimmig auf. Ich schämte mich und fühlte mich schuldig. Wahrscheinlich verstand er überhaupt nicht, weshalb sein Sohn sich so quälte und mich, die Abtrünnige, auch noch nach England begleitete. Ich verstand es ja selber nicht, war aber dankbar, dass es so war.

Am nächsten Morgen fuhren wir weiter in Richtung Calais. Marc hatte mein Radio repariert und eine Kassette eingelegt, die er mir 1982 während seines Militärdienstes in Berlin aufgenommen hatte. „Love is a battlefield“ sang Pat Benatar gefolgt von Nina Hagen „Fall in Love mit mir“.  Vielleicht wollte er mir damit etwas sagen. Ich war erleichtert als Alain Bashung „Gaby oh Gaby“ intonierte und ich nicht mehr hinter jedem Wort eine Anspielung vermuten musste.

Die Musik löste viele Erinnerungen bei mir aus, denn sie war aus einer Zeit, in der ich wahnsinnig in Marc verliebt war. Damals telefonierten wir stundenlang, wenn wir uns abends nicht sehen konnten. Marc rief dann aus der Kaserne (Quartier Napoléon) von einem Münztelefon aus an und musste die ganze Zeit neben dem Apparat stehen bleiben, weil die Schnur nicht lang genug war. Ich wohnte anfangs noch bei meiner Mutter, und damit sie in Ruhe fernsehen konnte, während ich telefonierte, musste ich das Telefon mit seiner langen Schnur aus dem Wohnzimmer auf den Balkon tragen und mich auf den Kunstrasenboden setzen.

Als Marc dann nach einem Jahr zurück nach Paris ging, schrieb er mir fast täglich Briefe. Die ersten waren noch zurückhaltend unterzeichnet mit „je t’aime bien“ (ich hab dich lieb). Je länger unsere Trennung jedoch andauerte, desto stärker vermissten wir uns und desto inniger wurden unsere Liebesschwüre. Als großer Comicliebhaber ging Marc bald dazu über, seine Liebe, seine Sehnsüchte und seine Erinnerungen in kleinen Zeichnungen auszudrücken, die mich jedesmal zum Lachen brachten und mein Herz zum Hüpfen. Bei dieser Musik kam all das wieder hoch.

Die Fähre legte mit lautem Rumms in Dover an. Jetzt war es nur noch eine gute Stunde bis London. Mein Herz wurde schwer und ich wagte es nicht, Marc anzusehen, weil ich fürchtete auch in seinem Gesicht Trauer zu entdecken.

Die letzten Kilometer fuhren wir schweigend. Marc musste sich auf den Linksverkehr konzentrieren, während ich zum ersten Mal auf dieser Reise realisierte, dass ich gerade dabei war, ganz allein ein vollkommen neues Leben zu beginnen. Mir war plötzlich schlecht.

Hello

Ich weiß nicht mehr, wie wir es schafften, uns im Londoner Verkehr zu orientieren. Bereits in Berlin hatte ich einen „A-Z“ besorgt, also das Londoner Pendant zum deutschen Falkplan, aber dass wir den Weg fanden, lag bestimmt nicht an mir. Ich erinnere mich nur, dass wir irgendwann vor dem Haus standen, in dem ich bei meinem französischen Freund Michel unterkommen konnte, bis ich eine eigene Wohnung gefunden hätte: 68 Northcote Road, Battersea.

Marc stellt den Motor aus und bleibt einfach sitzen. Ich schlucke und sage nichts. Nach ein paar Minuten öffne ich die Tür und steige aus. Marc folgt mir. Ich öffne die rote Kofferraumklappe, hole meinen Rucksack heraus und stelle ihn im Zeitlupentempo auf den Boden. Marc sieht mich an. Mir schießen Tränen in die Augen. Ich schaue weg. Mit großem Interesse betrachte ich meine Turnschuhe: Sie sind weiß, aber da ist ein schwarzer Fleck auf der Oberseite und ein Schnürsenkel ist locker.

Langsam drehe ich mich um und gehe auf das Haus zu. Marc folgt mir mit dem Gepäck. Die Haustür wird geöffnet und Michel steht im Türrahmen. Er strahlt, freut sich, mich wiederzusehen, stutzt, weil er nicht mit Marc gerechnet hat. Wahrscheinlich sieht man es uns an, dass man jetzt besser keine Fragen stellen sollte, denn ohne ein Wort winkt er uns beide hinein.

Good-bye

Während Michel Tee zubereitet, stehe ich ganz nah bei Marc. Ich möchte den Ausdruck seiner blauen Augen in meine Netzhaut brennen, mich daran erinnern, wie es sich angefühlt hat, als er mich zum ersten Mal in seine Arme genommen hat und noch einmal diese Nähe spüren, die uns einmal verband. Wir haben beide Tränen in den Augen und wissen doch, dass es zuende ist. Marc küsst mich auf den Mund. Dann dreht er sich um und geht wortlos die Treppe hinunter. Ich blicke ihm nach, bis seine Silhouette mit der Dunkelheit des Treppenhauses verschwimmt.

Michel sagt: „Bienvenue à Londres – Willkommen in London.“

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