Da sitzen sie. Alle in Schwarz gekleidet und fein säuberlich getrennt. Sie hat Angst gehabt vor diesem Tag, obwohl sie ihn sich schon seit vielen Jahren immer wieder vorgestellt hat. Wie es sein würde. Ohne sie. Oder auch mit ihr, aber krank und pflegebedürftig. Dieses Bild passte nie. Diese starke Frau hat sogar mit 40 Grad Fieber einen Ausflug mitgemacht, weil sie ihre Kinder nicht enttäuschen wollte. Oder der Unfall im U-Bahnhof. Gestürzt, aufgestanden und zum Busbahnhof weitergefahren, weil sie eine Reise gebucht hatte. So als ob sie unbedingt das Leben noch leben müsste. So viel wie möglich, solange es eben noch ging. Da durfte eine gebrochene Hand kein Hindernisgrund sein.

Ich wechsele von Tisch zu Tisch. Lächle, frage nach, erzähle Anekdoten. Alle haben sie gemocht. Sie war etwas Besonderes. Sie hat die entfernte Familie zusammengehalten. Ost mit Ost und Ost mit West. Doch heute bleibt jeder für sich. Sie ist nicht mehr da, um zu verbinden.

Die Fraktion der frustrierten 150-Prozentigen sitzt eng zusammengerückt ganz links. Rechts die Abtrünnigen, die DDR-Kritiker von einst. Der Tochter ist nicht zum Lachen, obwohl sie das Skurrile durchaus sehen kann. Auf der linken Seite sitzt Günter. Er ist Alkoholiker. Man erkennt es an seinem Gesicht. Es geht ihm nicht gut seit die Mauer weg ist. Auf dieser Seite geht es ihnen allen nicht gut, seitdem die Behörde nicht mehr existiert. Ein Familiengerücht, das schon zu Mauerzeiten für Spaltung sorgte. Bernd, Jens und Günter sind arbeitslos – Hilde hat Glück, denn sie ist zu alt für die Auswirkungen des Kapitalismus.

Ich laufe von Tisch zu Tisch. Sage „wisst ihr noch damals im Sommer 1980“. Günter hatte mich eingeladen. Offizielles Visum, graue Männer in der Baracke an der Amerikanischen Gedenkbibliothek. Was ich in Ostberlin machen wolle. Tourismus. Dieses Misstrauen in fahlen Gesichtern. Stempeln, Einwortsätze. Bücher sollte ich mitbringen – im Tausch gegen Wörterbücher.

Sie hat die Bücher in ihrer Umhängetasche als sie in der engen Kabine mit den Spiegeln über sich steht. Grenzbahnhof Friedrichstraße in der Mausefalle. Beide Türen geschlossen. Sie steht vor einer Durchreiche mit Glasscheibe. Ohr freimachen. Kein Lächeln. 25 DM gegen 25 Ostmark. Stempeln. Es summt und die Tür in die Deutsche Demokratische Republik öffnet sich. Treffen mit Günter am Alexanderplatz.

Es wäre doch schön, hatte Günter gesagt. Wir sollten uns öfter sehen, wir sind doch Familie. Damals fand sie das auch, denn sie kennt Ostberlin kaum. Mit einem Wartburg fahren sie durch die Stadt. Extra organisiert, denn Günter hat gar kein Auto. Der Freund kannte einen Freund, der jemand kannte. Der Freund ist dabei. Er trägt komische Sandalen und eine DDR-Version eines Hawaihemds. Sie sagt zu sich selbst, sei nicht so eingebildet. So ist das hier nunmal. Der Freund flirtet mit ihr.

Günter hat ihr zwei große Spanisch-Lexika und Bücher von Christa Wolf und Herrmann Kant mitgebracht, die sie nun gegen die Bücher aus dem Westen eintauscht. Sie weiß, dass sie etwas Verbotenes getan hat. Aber es hat ja niemand danach gefragt. Das sind doch keine Unmenschen an der Grenze, auch wenn sie nie lächeln.

Er sitzt seiner Mutter und seinen beiden Brüdern gegenüber. Die Haare noch schwarz, aber dünn und strähnig. Gelbe Fingerkuppen und dunkle Ränder unter den Nägeln. Er braucht jetzt eine Zigarette. Auf seiner fahlen Stirn hat sich ein feiner Schweißfilm gebildet und die Hände zittern leicht, als er sich ein weiteres Glas Schnaps einschenken lässt. Er und alle auf dieser Tischseite haben die dunklen Augen meiner Mutter. Das mit der Grenze tut ihm leid, sagt er plötzlich und trinkt das Glas in einem Zuge leer. Ich verstehe nicht.

Das ist über dreißig Jahre her, und der gemeinsame Tag damals war schön. Er konnte ja nicht wissen, was auf dem Rückweg passieren würde. „Du hast dann ja auch nicht gepasst. Das haben wir schnell gemerkt.“ Er sagt „wir“. Er und die bewaffneten Grenzsoldaten. Drei Stunden in einem dunklen Raum, mit dem Gefühl, dass Waffen auf mich gerichtet sind. Verhört und angeschrieen. Verweigerung der Ausreise. Wir. Er und der Offizier, der mich einschüchterte und zum Weinen brachte, damit ich etwas gestehe. Gut überlegen solle ich mir das, denn, falls ich nein sage…“ Er hatte den Rest des Satzes offengelassen.

Wir.

Sie streicht die Tischdecke glatt. Dann steht sie auf, setzt sich an die rechte Tischseite und wendet sich ab. Die letzte Verbindung ist soeben zerbrochen.

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