Sie hat es geschafft. Sie wollte eine Veränderung und jetzt ist sie da. Eine große neue Wohnung im Dachgeschoss mit einer sonnigen Terrasse. Das war immer ihr Traum, und jetzt ist er endlich wahr geworden. Auf einem Foto von 2010 sieht man sie in einem trägerlosen schwarzen Sommerkleid. Sie hat in den letzten Monaten stark abgenommen, so dass das Kleid Falten wirft – als sie es letztes Jahr gekauft hat, war noch mehr Inhalt da. Sie läuft pro Woche mindestens fünfzig Kilometer, manchmal auch mehr, denn sie hat sich etwas vorgenommen. Sie will noch vor ihrem 50. Geburtstag einen Marathon laufen. Immer wieder muss sie das erklären, sich verteidigen. Für den Gewichtsverlust, für den Plan, den die meisten ihrer Freunde für blödsinnig halten. Sie lächelt in die Kamera, während im Hintergrund der Mann Steaks auf den Rost des schwarzglänzenden Webergrills legt.

Doch, sie will diesen Marathon laufen und doch, der Umzug war nötig. Nach neun Jahren in der großen, aber dunklen Altbauwohnung musste sich einfach etwas ändern. Und ja, diese Terrasse ist für sie ein Symbol für Freiheit und viel Raum. Sie sagt es, sie wiederholt es, und sie schlägt dabei immer wieder mit der Handfläche auf die Tischplatte vor sich. Wie zur Bestätigung, klirren die Eiswürfel in ihrem Caipirinha-Glas bei jedem Schlag und bewegen dabei den roten Strohhalm hin und her. Erst nach vorn, dann nach hinten, mal rechts und schließlich wie auf dem Bild nach links. Das befreundete Paar sitzt ihr gegenüber. Susanne und Torsten haben sich an der Uni kennengelernt. Seitdem sie verheiratet sind, hat sich bei ihnen nichts mehr verändert. Sie verstehen sie nicht, das spürt sie. Doch auf dem Foto sieht man nur zwei Ehepaare, die einen entspannten sonnigen Abend auf der Terrasse verbringen.

„Lass uns reingehen, Susanne, ich will dir die neue Wohnung zeigen,“ sagt sie und zieht ihre Freundin ins Wohnzimmer. Dann hält sie es nicht mehr aus, sie muss es endlich erzählen: „Ich habe mich verliebt,“ flüstert sie atemlos ins Ohr ihrer Freundin. „Ich glaube, ich bin wahnsinnig geworden, aber ich war noch nie so sicher wie jetzt: Ich bin verliebt in einen anderen.“

Hätte jemand diesen Moment mit einer Kamera eingefangen, so hätte man die weit aufgerissenen Augen der Freundin gesehen, die hochgezogenen Augenbrauen und den halb geöffneten Mund, der gerade ansetzen will, etwas zu erwidern. Doch da öffnet sich die Terrassentür, und die beiden Männer kommen herein. „Das Fußballspiel fängt gleich an! Kommt ihr dazu?“ Susannes Worte bleiben ungesagt und sie bleibt allein mit den vielen Fragen, die sie noch hätte.

Sie hatte es plötzlich gewusst, als sie dieses Lied von Social Distortion hörte. Sie hat in der neuen Wohnung dazu getanzt, hat die Haare hin und hergeworfen und dabei bedauert, dass sie sie jetzt so kurz trägt. Auch so eine Veränderung, damals vor 10 Jahren. Haare ab und Neubeginn. Diesmal hat sie die Signale falsch gedeutet, wusste zwar, sie muss etwas verändern, aber nicht genau was. Und dann hat sie ihn getroffen. Plötzlich war da etwas, was sie vergessen hatte. Lebendigkeit statt Erstarrung, Wärme und Lust, wo vorher nur Leere war. „When she begins“ heißt der Song, der ihr Gefühl in Takte packt, der sie springen und endlich wieder ganz werden lässt. Je mehr sie tanzt, desto einfacher scheint alles zu sein.

„Well round and round she goes. Where she`ll stop nobody knows.“

Mit jedem harten Beat des Schlagzeugs, mit jedem Gitarrenriff und mit jeder Textzeile sieht sie klarer. Sie wird ihm sagen, dass sie ihn verlässt.

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