Von meinem Bett aus kann ich sie sehen. Sie hat dunkle, wellige Haare und blickt mich mit großen braunen Augen an. Ich sehe nur ihren Oberkörper mit den halbentblößten Schultern, um die sie ein blaues Tuch gelegt hat. Es glänzt als wäre es aus Seide. Sie hält es mit ihrer zierlichen Hand über der Brust gerafft, und ihr Decolleté schimmert hell als geometrisch präzises Dreieck vor dem fast schwarzen Hintergrund. Unten rechts in roter Sütterlinschrift der Name des Malers, der meine Oma portraitiert hat, als sie ungefähr 25 Jahre alt war. Als Kind konnte ich mir nie vorstellen, dass die schöne Frau mit dem Mona-Lisa-Lächeln in dem goldfarbenen Bilderrahmen meine Oma mit den wirren grauen Haaren sein sollte, die neben mir im Zimmer schlief und manchmal sogar schnarchte.

Die Wohnung meiner Oma war in einem Mietshaus im Norden Berlins, wie sie in den 50er Jahren im Zuge des Aufbauprogramms in Westberlin überall schnell und billig entstanden waren. Ihre Adresse „An der Koppel 9“ schuf Assoziationen an Pferde auf saftigen grünen Wiesen, kleine Gärten, himmlische Ruhe und Vogelgezwitscher.  Tatsächlich lag das Haus direkt in der Einflugschneise des Flughafen Tegel, über das in regelmäßigen Abständen Flugzeuge hinwegdonnerten und die Fenster erzittern ließen. Man muss wissen, dass meine Oma den Grünen Star hatte, der ihre Sehkraft stark einschränkte und außerdem stocktaub war. Als Kind sah ich noch nicht die Komik, wenn meine Oma mitten in den ohrenbetäubenden Lärm hinein fragte: „Sag mal, ist da jemand an der Tür? Es hat doch geklopft!“ Stattdessen brüllte ich ihr zu: „Nein Oma, das ist ein Flugzeug. Fluuuuug-zeug!“ Dabei deutete ich an den Himmel und machte Flugbewegungen mit meinen Armen. Neugierig schaute sie dann ebenfalls nach oben, nur um festzustellen: „Ich seh gar nichts. Ist aber auch ein grauer Tag heute.“

Ihre körperlichen Einschränkungen ließen sie nämlich keineswegs an ihrer Wahrnehmung der Welt zweifeln. Selbst wenn sie in strahlendem Sonnenschein vor Hitze fast umkam, war es eben ein grauer Tag. Selbst wenn sie den Regler ihres Röhrenradios auf maximale Lautstärke gestellt hatte und die Lautsprechermembran bei jedem Ton die Textilbespannung nach oben hob, fand sie immer noch, dass der Nachrichtensprecher einfach viel zu leise sprach und obendrein auch noch nuschelte.

Wenn ich versuche, sie mir als Mutter meiner Mutter vorzustellen, sehe ich eine energische Frau, die klare Vorstellungen davon hatte, wie die Dinge zu sein hatten. Meine Mutter musste aufgrund der Wohnungsnot in der Nachkriegszeit noch mit über dreißig Jahren bei ihrer Mutter wohnen. Sie erzählte manchmal wie meine Oma bei Männerbesuch vollkommen selbstverständlich und ohne anzuklopfen in ihr Zimmer kam und den in der Luft hängenden Zigarettenrauch mit übertriebenen Handbewegungen verteilte, um dann den Raum mit schnellen Schritten zu durchqueren und das Fenster zu öffnen. „Für den Herrn ist es jetzt Zeit zu gehen,“ befand sie dann und blieb mit starrem Blick neben dem Fenster stehen, bis der „Herr“ sich verabschiedet hatte. Ich kann es förmlich fühlen, wie meine Mutter ihre Wut hinunterschluckt und starr wird, wie sie es später immer tat. Auch, wenn sie uns diese Episode erzählte, bekam sie diesen harten Gesichtsausdruck, der verriet, dass sie ihrer Mutter ihre Übergriffigkeit selbst zwanzig Jahre später immer noch nicht verziehen hatte.

Meine Oma wurde 1894 als Gertrud Toporowski in Berlin geboren. Damals versuchte sich Otto Lilienthal gerade daran, in Berlin-Lichterfelde mit einem merkwürdigen Flugapparat einen Hügel hinunterzuhüpfen. Als sie im Dezember 1923 ihren Mann, den Freimaurer und Elektrikermeister Clemens Niemeier, auf dem Standesamt Berlin-Schöneberg im Schneegestöber heiratet, hat der Flughafen Tempelhof gerade seinen Flugbetrieb aufgenommen und ein Ei kostet 320 Milliarden Reichsmark. Dazwischen liegen eine Jugend im Kaiserreich und ein Weltkrieg, aus dem ihr älterer Bruder Carl mit der „Zitterkrankheit“ zurückkehrt. Die Entscheidung, jetzt eine Familie zu gründen, kann man als mutig bezeichnen, denn die Zukunft war mehr als ungewiss.

Mit meiner Mutter als einzigem Kind lebt die Familie in den fensterlosen und schlauchartigen Hinterräumen ihres Elektrofachgeschäfts am Innsbrucker Platz Nr. 30. „Ich schämte mich für unsere Wohnung,“ sagte meine Mutter oft. „Obwohl die anderen Kinder immer gern zu mir kamen, weil sie eine Wohnung ohne Fenster noch nie gesehen hatten.“

Wenn ich mich an meine Oma erinnere, sehe ich sie immer auf ihrem sonnendurchfluteten Balkon. Sie hat den gelben Sonnenschirm aufgespannt, den Vogelbauer mit Wellensittich Peter aufgehängt und sitzt mit ihrem Lichtschutzkäppi am Tisch mit der geblümten Plastiktischdecke. Mit gebeugtem Oberkörper versucht sie, das Kreuzworträtsel in der Berliner Morgenpost zu lösen oder blättert mit glänzenden Augen im Quelle-Katalog. Wenn sie etwas fand, das sie gern bestellen wollte, markierte sie die Seite mit einem Eselsohr. Meine Aufgabe war es dann, die langen Bestellnummern in die richtigen Zeilen des Bestellformulars einzutragen und in Druckbuchstaben die Bezeichnung dazuzuschreiben. Auf keinen Fall durfte ich vergessen, die noch leeren Zeilen mit einem Lineal akkurat durchzustreichen. „Sonst schreiben die da noch was rein, was ich nie bestellen wollte.“ Wir hatten nie wieder so viel Bettwäsche, wie in den Jahren als meine Oma noch lebte.

Für sich selbst kaufte sie jedoch so gut wie nie etwas Neues. Ihr genügten die wenigen Dinge, die sie besaß und die sie nach der Zerbombung ihrer Wohnung und dem Tod ihres Mannes als Folge seiner Kriegsgefangenschaft neu besorgt hatte. Sie selbst war damals dem Tod nur knapp entronnen, aber sie erzählte so nüchtern und distanziert von dem Bombenangriff, als wäre es jemand anderem passiert: „Als die Bombe auf unser Haus fiel, war ich im Seitenflügel – nur deshalb habe ich überlebt, denn das ganze Vorderhaus war vollkommen zerstört.“

Zufrieden mit dem Wenigen, was sie hatte, weigerte sie sich, Geräte anzuschaffen, die in ihren Augen „unnütz“ waren. Sie hatte weder eine Waschmaschine, noch elektrische Küchengeräte, keinen Fernseher oder Elektrostaubsauger und nur alte, abgenutzte Möbel. Als Kind liebte ich es, ihren knarzenden, ächzenden Schaukelstuhl mit dem abgewetzten Stoffbezug an den Rand der Belastbarkeit zu bringen, indem ich in einem höllischen Tempo vor und zurück schaukelte. Manchmal hüpfte ich auch wie eine Wilde auf ihrem einst roten jetzt ausgeblichenen Sofa herum, obwohl ich jederzeit fürchten musste, dass sich eine der deutlich spürbaren Sprungfedern durch den Stoff in meinen Fuß bohrte.

Meine Oma war dankbar für das, was sie hatte. Sie musste keine Kohlen mehr schleppen, warmes Wasser kam direkt aus der Leitung und ein richtiges Badezimmer hatte sie auch. Alle Geräte, Kleider oder Möbel blieben so lange Teil der „Familie“, bis sie zerfielen oder eine Reparatur wirklich vollkommen unmöglich war. Selbst ihre Geranien hegte und pflegte sie so intensiv wie Haustiere und überwinterte sie jedes Jahr in langen Blumenkastenreihen im Keller.

Und wenn ich es mir recht überlege, hat meine Oma auch mich repariert – repariert von der Einsamkeit und der Sprachlosigkeit zuhause. „Oma, wie funktioniert die Nähmaschine? Oma, wie näht man einen Knopf an? Oma, machst du mir einen Zopf? Oma, ich sehe was, was du nicht siehst! Oma, wollen wir Mühle spielen? Oma, sind das Blattläuse? Oma, liest du mir was vor?“ Wo ich sonst still in meinem Zimmer hinter verschlossener Tür Bücher las, bestanden meine Tage in der Oma-Oase aus Lachen, Herumtoben, gemeinsam spielen, Hörspiele hören, Kuchen essen, alte Fotos ansehen und vor dem Schlafengehen mit Inbrunst gemeinsam den „Erlkönig“ rezitieren.

Meine Oma war zufrieden mit dem, was war. Nichts konnte sie mehr hetzen. Und wenn ich bei ihr war, schwang mein Leben für kurze Zeit im Einklang mit ihrer Welt.

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