Ganz plötzlich warst du da. Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf, obwohl ich mehrere Jahrzehnte nicht mehr an dich gedacht habe. 26 Jahre alt bist du inzwischen und eine selbstbewusste junge Frau. Von deinem Vater hast du die dunklen Haare und das runde Gesicht mit den Grübchen in den Wangen, wenn du lachst. Auch ich erkenne mich in dir mit deiner hochgewachsenen Statur und der sehr gerade Nase, die im Sommer mit Sommersprossen übersät sein wird. 

Zumindest stelle ich mir vor, dass du so aussehen würdest. Ich gebe zu, es fällt mir gar nicht leicht, dir in dieser Form zu begegnen. Von Angesicht zu Angesicht und doch nur in meiner Phantasie. Du gibst mir Anlass, noch einmal über den Verlauf meines Leben nachzudenken. Welchen Weg wäre ich wohl gegangen, wenn du dabei gewesen wärst? 

Gerade 30 geworden und zurückgekehrt in meine Heimatstadt Berlin kurz nach dem Mauerfall. Fünf Jahre Ausland lagen hinter mir und es fühlte sich merkwürdig an, wieder zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Seltsam kalt und leer nach Jahren in London und Madrid. Dort hatte ich in WGs gelebt und enge Freunde gewonnen. Zum ersten Mal hatte ich auch so etwas wie Geborgenheit gefühlt, hatte gefeiert, gestritten, viel gelacht, geweint und vor allem gelebt. 

Jetzt also wieder Berlin. Meine Familie: meine Mutter und mein Bruder. Meine Oma tot. Mein Vater tot. Meine Freunde inzwischen in ihrem eigenen Leben, in dem ich nicht mehr vorkam. Neubeginn. Neuorientierung. Und dann nach ein paar Monaten endlich neu verliebt! Die Leere gefüllt mit Gemeinsamkeit, der sichere Abstand zur Familie hergestellt durch den Mann, der mich nun bei Besuchen begleitete. Die Einsamkeit überdeckt durch körperliche Nähe. 

Nehmen wir einmal an, du wärst hier in mein Leben getreten. Plötzlich war diese Beziehung etwas Ernstes. Der Mann ein Ehemann und seine Promotion ein wichtiger Baustein, um auf der Karriereleiter weiter aufzusteigen und seine kleine Familie finanziell abzusichern. Die Ehefrau muss nicht arbeiten. Soll sie auch gar nicht, denn das schadet dem Kind. Ohne Studienabschluss ist es sowieso schwer, etwas zu finden. Also bleibe ich zuhause. Ich nähre das Kind und den Mann, der jeden Abend erschöpft und spät nachhause kommt. Mein Horizont schrumpft jeden Tag bis er nur noch von der Küche bis zum Kinderzimmer reicht. Ich halte dich in meinen Armen und schaue in dein wunderschönes Gesicht. Wenn du lächelst, bin ich glücklich.

Langsam vergesse ich, wer ich bin. Ich bin meistens Mutter, Ehefrau, Putzfrau, Köchin. Ich weiß nicht mehr, wie es sich anfühlt, eigene Ziele zu verfolgen. Ich habe Verantwortung und presse mich in die gesellschaftlich vorgegebene Form. Mein Ich wird immer leiser und zieht sich zurück in eine dunkle Ecke meines Inneren.

Ich sorge mich um dich und gleichzeitig bemerke ich immer öfter, wie mein Mund schmal wird und mein Lächeln zu einer Maske erstarrt. Der Mann hat einen Job in China angeboten bekommen. Er soll ein Werk  aufbauen und mit seiner Familie übersiedeln. Ich höre ein sehr leises Warnsignal, das sofort wieder verklingt. Was tue ich dort in einem vollkommen fremden Land? Mit wem habe ich Kontakt? Wie bewege ich mich dort als Frau mit kleinem Kind? Werden wir in einer Art „Ausländer-Ghetto“ leben? Doch die Vernunft erklärt mir „wir brauchen das Geld“. 

Drei Jahre wohnen wir nun schon in dem riesigen Hochhausturm in der „Brilliant City“. Du gehst in den internationalen Kindergarten und kannst Sätze auf Deutsch, Chinesisch und Englisch sagen. Du bist ein fröhliches, neugieriges Kind, aber du vermisst deinen Vater, der jeden Abend erst nachhause kommt, wenn du schon im Bett liegst. Ich spreche tagsüber mit fast niemandem und kann es kaum erwarten, dass du aus dem Kindergarten zurück bist und abends der Ehemann wiederkommt. Mein Leben dreht sich nur um Haushalt, Mann und Kind und manchmal Repräsentation bei Geschäftsessen. Ich langweile mich zu Tode. 

Ich habe dich bekommen, weil du das Kind des Mannes warst, den ich sehr liebte. Doch ich frage mich heute, ob ich wohl in der Lage gewesen wäre, auch mit dir irgendwann wieder zu mir selbst zu finden und mein eigenes Leben zu leben. Du schaust mich an mit deinen blauen Augen und runzelst die Stirn. Warum das denn so wichtig ist? 

Ich muss an meine Eltern denken. Ihr Unglück haben sie auf ihre Kinder übertragen. Ihre Unzufriedenheit führte zu Kälte, Gleichgültigkeit und emotionaler Verwahrlosung. Niemals wollte ich in solch eine Situation geraten! Niemals wollte ich eine Beziehung aufrechterhalten „der Kinder wegen“. Doch wie entscheidet man sich wirklich, wenn ein Kind da ist? Wenn es versorgt sein will, wenn Entscheidungen plötzlich nicht mehr nur für einen selbst gelten? 

Die Vorstellung hat mir Angst gemacht, denn ich konnte mir dabei nicht vertrauen. 

Als ich aufwache, höre ich eine junge Frau neben mir laut schluchzen. Sie hält ihren Mutterpass in den Händen, streicht immer wieder über das Papier und weint immer lauter. Dann wirft sie ihn in den Papierkorb. 

Ich stehe mit wackligen Beinen auf und verlasse den Raum. Ich spüre unendliche Erleichterung. 

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