Wenn mir letztes Jahr jemand gesagt hätte, dass ich es bei wunderbarem warmem Wetter vorziehe, in der abgedunkelten Wohnung vor dem Computer zu sitzen, um zu schreiben, dem hätte ich einen Vogel gezeigt.

Und doch stelle ich eine gewisse Abneigung gegen sengende Sonne ab 11 Uhr morgens fest. War der Garten früher eine Rückzugsoase für mich, so ist er jetzt mehr ein Ort der Dürre. Der Rasen schlägt sich tapfer mit einigen annähernd grünen Stellen, doch im Großen und Ganzen ist er eher eine sandige Strohwüste. Nach zwei Wochen Urlaub in Portugal hatten alle unsere Buchsbäume abgefressene Blätter, weil sich die Buchsbaumzünsler in ihnen eingenistet und Fressorgien gefeiert hatten. Und dann die Hortensien… es tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, wie sie unter der Sonne verbrennen. Sie stehen im Halbschatten, aber leider immer einen halben Tag in der prallen Sonne und nur die andere Hälfte im Schatten. Doch wenn man weiß, dass sie es lieben, wenn feuchte Meeresluft sie umfächelt und fette Regengüsse herbeisehnen, um ihre saftigen Blüten noch farbenfroher zu machen, so ist klar, dass das diesen Sommer nicht gut gehen kann. Obwohl ich sie wässere wie verrückt, haben ihre Blätter braune Stellen oder sind bereits ganz vertrocknet. Die Blüten rascheln als wären sie aus Papier und die Zweige ragen anklagend zwischen sich immer mehr lichtenden Blättern empor. Fast so als wollten sie sagen: „Durst! Durst! Durst!“

Was mich angeht, so bin ich nur noch morgens und abends draußen, wenn ich es so einrichten kann. Ich schreibe das jetzt mal fürs Tagebuch, weil ich nie gedacht hätte, dass ich das mal sagen würde: „Ich kann die Scheißsonne nicht mehr sehen und will endlich, dass es mal ordentlich regnet.“ Wahrscheinlich werde ich das in ein paar Jahren lesen und mich köstlich amüsieren, wie blöd ich damals gewesen bin, während ich genervt auf meinen schlammigen Garten blicke, in dem sich Wildschweine in Regenwasserkuhlen wälzen.

In diesem Jahr schließe ich pünktlich um 11 Uhr alle Fensterläden und Fenster und warte, dass das Schlimmste vorüber ist. In der Zwischenzeit laufe ich leicht bekleidet durchs Haus bzw. sitze am Computer und schwitze fluchend vor mich hin. Blöd, wenn dann der Postbote klingelt – so wie heute. Da ich mich in BH und Unterhose nicht wirklich präsentabel fand, steckte ich nur meinen Kopf etwas verkrampft aus der Haustür, um dem Paketboten zu sagen, dass ich „gleich“ da wäre. Dann rannte ich ins Schlafzimmer und wühlte besessen in dem Kleiderberg auf dem „Anziehstuhl“, bis ich endlich eine Shorts und ein Shirt gefunden hatte. Dann schnell das Paket abgeholt und husch-husch zurück ins kühle Häuschen. Kleider runter, Unterarme kühlen und wieder an den PC. Es ist einfach viel zu heiß!!!

Etwas Gutes hat das Ganze ja. Ich schreibe tatsächlich am ersten Kapitel meines geplanten Buches über „Soldatenliebe“. Immer wieder stelle ich Erinnerungslücken fest, die mich lange beschäftigen können. Wie sah eigentlich die Mauer unten in Südberlin aus? Welche Schilder standen da – Sie verlassen den amerikanischen Sektor oder Sie verlassen West-Berlin? Wie sah der Wachturm am Töpchiner Weg aus? War das ein eckiger oder einer dieser runden, pilzförmigen Türme? Fragen über Fragen.

Gestern habe ich bei Recherchen zu den 70er Jahren über eine Facebook-Gruppe einen ehemaligen französischen Freund wiederentdeckt, mit dem ich kurz vor meinem Abi zusammen war. Damals war er „Gérant du Centre Culturel de Wedding“ und wohnte in einer Alliierten-Villa in Frohnau. Jetzt lebt er offenbar in Dänemark und ist Realschullehrer geworden.

Und da wäre noch das autobiografische Schreiben. Damit habe ich vor einem knappen Jahr begonnen. Seitdem ist viel passiert, denn das Schreiben löste in mir den starken Wunsch aus, meine Vergangenheit besser zu verstehen. Also suchte ich nach Informationen und fand sie auch:

1.) Ich habe meinen Halbbruder Knut wiedergefunden und meinen Neffen mit seiner Familie kennengelernt.

2.) Ich habe Dinge über meinen Vater erfahren, die für mich einige Rätsel meiner Kindheit aufgelöst haben.

3.) Ich habe eine Geschäftsidee geboren, mit der ich gut leben kann und an der ich mit Freude noch feile.

4.) Ich habe beschlossen, mich ernst zu nehmen und das Buch zu schreiben, das ich immer schon schreiben wollte.

5.) Wir werden uns eine Katze anschaffen 🙂

6.) Ich fühle mich gut.

 

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