Berlin im Juni 2018 – Die Unterarme liegen auf der kühlen Tischoberfläche. Normalerweise würde ich Holz als warm empfinden, doch die Schwüle erzeugt klebrige Haut, die sich tatsächlich auf der Holzoberfläche abzukühlen scheint. Der Raum hat eine hohe Decke, die über der Schreibgruppe etwas Leichtes hat. Ein Mobilé aus zartem, fast durchsichtigem Reispapier tanzt an der Decke, so wie die Worte in der Luft, wenn die Texte gelesen werden. Die Leichtigkeit steht in starkem Gegensatz zur schwülwarmen Atmosphäre des Raumes, die die Gesichter glänzen und die Nasenrücken schwitzen lässt. Fast alle hier tragen eine Brille unter grauen Haaren. Die Themen sind schwer – Nazizeit, Kindheit. Und doch tanzen die Worte und bleiben nicht bleiern auf dem Papier.

So als ob sich das Geschriebene noch einmal mit Leben füllt, wenn es vorgelesen wird. Die Stimme formt die Worte, sie steigen auf, springen zwischen den Mobilé-Teilen hindurch, suchen sich Öffnungen zwischen Reispapier-Quadraten und flattern fröhlich in die Wahrnehmung der Zuhörer. Sie formen dort Bilder und Eindrücke, verknüpfen sich mit eigenen Erinnerungen, Gedanken, Werteskalen, um dann zu einer veränderten Geschichte zu werden. Jeder setzt die flatternden Worte in seine eigenen Worte um und macht sie so zu einer eigenen Geschichte.

Es gibt Texte, die sperren sich. Sie erzeugen einen Widerwillen, eine Vorverurteilung im Kopf, scheinen dem hohen Anspruch nicht zu genügen, den man hier voraussetzt. Dann merkt man, dass es an einem selber liegt. Der Text ist eben anders komponiert als man selbst es tun würde. Er sprengt die eigene Erwartungshaltung, formt Bilder auf eine andere Art als gewohnt. Und doch hat der Text etwas, das sich dann auf den zweiten Blick erschließt, wenn die eigenen Muster beiseite geschoben sind, wenn der Geist den entstandenen Raum nutzt, um sich einzulassen.

Eine trockene Bildbeschreibung ohne Tiefgang? Nein. Es ist die Annäherung über das Äußere, das zunächst keine Anhaltspunkte dafür liefert, wie die Leben der abgebildeten Personen wirklich verlaufen sind. Dunkle Kleider, strenge Haare. Frauen, die fast mit dem Hintergrund verschmelzen und keine eigenen Identitäten zu haben scheinen. Dann das langsame Aufdecken, Blicke in die Zukunft, Humor in kurzen Sätzen. Der Text fängt an zu leben, findet seinen Platz und erkämpft sich Anerkennung. Aha, so könnte man das also auch machen. Aha, das ist also der „Chronistenstil“. Dann der Gedanke: Das möchte ich auch einmal ausprobieren.

Ziel erreicht.

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