Es könnte am Alter liegen, dass dieses Thema plötzlich häufiger auftaucht: Heute morgen beim Frühstück diskutierte ich mit meinem Hausherrn darüber, was es wohl bedeutet, wenn ein neu einzustellender Student schon im Vorstellungsgespräch alle duzt. Mit „alle“ sind hier die beiden Chefs gemeint – also mein Hausherr und sein Partner.

Meine Vermutung war, dass der Student bisher nur in jungen, hippen Unternehmen gearbeitet hat, wo das „Du“ quasi zum guten Ton gehört. Doch nein (auch ein interessanter Ausdruck). Für meinen Hausherrn ist sein Duzen ein Ausdruck von Distanzlosigkeit, v.a. da er ihn im Vorstellungsgespräch siezte. Ich könnte mir vorstellen, dass der Student sich einfach für extrem lässig und cool hielt. Er sah sich auf Augenhöhe und signalisiert das mit dem Du.

Allgemein fällt es mir schwer, eine klare Meinung zum Duzen in dieser Situation zu finden. Das Siezen und Duzen ist für mich etwas sehr Persönliches. Jeder sollte eigentlich selbst entscheiden können, ob er das „Du“ anbietet bzw. akzeptiert. Doch hier entsteht tatsächlich so etwas wie ein aufgezwungenes Du, noch dazu von einem neuen Mitarbeiter.

Wie wäre ich damit umgegangen? Ich hätte wohl penetrant weiter gesiezt und ihn mit Herr Sowieso angesprochen, in der Hoffnung, dass sich das dann wieder angleicht. Der Partner meines Hausherrn spiegelte den Duzangriff, indem er automatisch zurück duzte. Mein Hausherr verweigerte sich dem Duzen und findet es noch dazu unschön, geduzt zu werden. Er fragt sich jetzt, nachdem sie den Studenten eingestellt haben, wie er das wieder gerade rücken kann, ohne den anderen zu verletzen. Vielleicht bietet sich da das „Hamburger Sie“ an: Vorname, aber siezen. Für das herrliche „Berliner Du“ ist es wahrscheinlich schon zu spät: Herr Schmidt, kannste mal die Trittschallberechnung prüfen?

Es herrscht sowieso eine sehr eigenartige Duz-Siez-Situation im Büro: Ein langjähriger Mitarbeiter wird von den Chefs geduzt, aber er siezt zurück. Ein weiterer Mitarbeiter duzt und wird geduzt, seit einer weinseligen Weihnachtsfeier vor zwei Jahren. Eine relativ neue Mitarbeiterin (die einzige Frau) wird gesiezt und siezt selbst zurück. Und nun der Student, der alle duzt, aber von einem der Chefs zurückgesiezt wird.

Ich bin da überfragt und kann nur auf den guten alten Knigge verweisen: „Im beruflichen Leben hat das „Sie“ immer noch Vorrang. Berufseinsteiger oder Neuankömmlinge sollten erstmal siezen bzw. sich nach den Anredeformen erkundigen.“

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