Es gibt in unserem Haushalt einen Kaktus. Als ich Teil des Haushalts wurde, gab es ihn schon. Er vegetierte in einem Blumentopf und reckte seine Stacheln gen Scheibe, ohne dass ihn jemand weiter beachtete. Bevor ich kam, muss er sich von der Luftfeuchtigkeit im Haus ernährt haben, denn niemand konnte sich erinnern, ihn jemals gegossen oder gar gedüngt zu haben.

Lange hielt sich in der Familie das Gerücht, es handele sich um einen „Schwiegermuttersitz“. Das sind große, rund wachsende Kakteen mit besonders harten Stacheln, die mit viel Phantasie aussehen wie ein Hocker. Doch ich hatte schon immer Zweifel. Dieser kleine Kaktus wuchs nämlich in die Höhe und war überhaupt nicht rund.  Allerdings waren seine Stacheln tatsächlich hart und fies. Da er von mir ab und zu Wasser bekam und ein paar Tröpfchen Dünger, wuchs er erstaunlich schnell. So schnell, dass er fast aus seinem Töpfchen gekippt wäre und ich dachte, dass er Unterstützung brauchte. Ich stopfte Holzstäbchen hinter sein Köpfchen und hoffte, er würde wieder gerade wachsen. Doch er beschloss, lieber krumm zu bleiben, aber dafür zu blühen und Ableger in Form von Hoden zu entwickeln.

Er bekommt nach wie vor wenig Aufmerksamkeit. Doch das scheint ihn gar nicht zu stören. Er macht einfach weiter sein Ding. Starrt aus dem Fenster, lehnt sich entspannt zurück, kratzt sich an den Stäbchen den Rücken und wartet, dass aus seinen Hoden ein Schwanz wächst. Zumindest nehme ich das an, denn die Dinger schwellen immer weiter an, während an seinem Kopf Blüten wachsen. Dem geht’s gut, denke ich oft, wenn ich ihn im dunklen Winter so ansehe. Macht sich geile Gedanken, dass es nur so sprießt und nimmt das Leben so, wie es kommt.

Ab und zu frage ich mich, wie es für mich sein müsste, das Leben. Wie ich blühen und gedeihen könnte, ohne mich verbiegen zu müssen. Wie ich in mir ruhend mit einem Lächeln einfach nur in der Sonne sitzen und sagen könnte: „Es ist so schön, das Leben. Ich wachse, weil ich bestimme, was richtig für mich ist. Ich bin krumm und schief, weil ich Lust darauf habe – egal, was du denkst. Und ich blühe, strahle und recke mich, weil ich tue, was ich liebe. Und dafür brauche ich nur wenig.“