Norbert Riechmann (63) ist einer von drei Musikern bei den „Gorillas“ in Berlin Kreuzberg. Während seine Schauspielkollegen auf Zuruf Szenen improvisieren, erfindet er innerhalb von Sekunden die richtige Musik dazu. Wegen Corona musste das Ratibor Theater vor zwei Wochen schließen. Einnahmen hat er seitdem keine mehr. 

Norbert Riechmann, den alle Harry nennen, blickt immer wieder nervös auf sein Handy. Es könnte eine Nachricht von der Investitionsbank kommen, dass er gleich einen Antrag auf Soforthilfe stellen darf. „Ich habe die Wartenummer 30.723“, sagt Harry. „Aber vielleicht klappt es ja trotzdem heute noch. Er hofft auf 5.000 Euro, damit er die nächsten Monate übersteht, denn Rücklagen zu schaffen, ist ihm als freier Künstler nicht gelungen. 

Da ich ihn nicht in seiner Wohnung in Berlin-Neukölln besuchen kann, führe ich das Interview über Facetime, so können wir uns wenigstens am Bildschirm sehen. 

Fühlst du dich als Künstler vom Staat im Stich gelassen?

„Nein.“ Harry schüttelt vehement den Kopf. „Ich bin sehr dankbar, dass es überhaupt Unterstützung gibt. Und ich bin beeindruckt, wie die das technisch lösen mit Zehntausenden in der Online-Warteschlange.“ 

Hast du einen Plan B.?

Ich habe schon immer Musik gemacht, bei der man improvisieren musste – also früher Jazz, Blues und Soul. Aktuell schreibe ich neben dem Improtheater auch ab und zu Filmmusik. Da liegt es nahe, da vielleicht stärker einzusteigen, wenn ich schon nicht auf die Bühne kann. Es ist durchaus ähnlich wie beim Improtheater, denn ich muss die passende Musik anhand von Filmszenen erfinden. In Wirklichkeit ist es aber ein vollkommen anderes Arbeiten, weil man nur am Rechner sitzt und kein Publikum hat. Also so als ob man ein Buch über Fortpflanzung schreibt, statt richtigen Sex zu haben.“ Harry lacht. Nach kurzer Pause fügt er dann leise hinzu: „Wenn das mit Corona länger als drei Monate dauert, muss ich mir aber wohl tatsächlich etwas überlegen.“

Was vermisst du?

„Ich möchte endlich wieder am Keyboard sitzen und auf der Bühne spielen! Ich brauche den Kontakt zu den Menschen, die spontane Reaktion, das Lachen, wenn eine Szene besonders gut ankommt. Aber mir fehlt es auch, mich mit anderen zu treffen, draußen zu sein, einfach mal in der Kneipe zusammenzusitzen und stundenlang über irgendwas zu diskutieren. Ich möchte das alles nicht am Rechner machen müssen, denn da sitze ich sowieso schon viel zu oft.“ Wir winken uns am Bildschirm zu. 

Womit beschäftigst du dich, wenn du nicht auftreten kannst?

„Ach, ich habe genug zu tun. Schon vor Corona hatte ich angefangen, mit einer Freundin an einem neuen Programm zu arbeiten: Die Lady & der Pirat. Das ist ein Live-Hörspiel mit Singalong, also etwas zum Mitsingen für die Zuschauer. Wir basteln gerade an einer Webseite und überlegen, wie wir das noch ausbauen können. Und glücklicherweise haben wir keinen Auftrittsraum zur Zwischennutzung gefunden wie eigentlich geplant. Sonst müssten wir jetzt Miete zahlen.“ Kurzer Blick aufs Handy: Immer noch keine Nachricht von der Investitionsbank. 

Wird alles gut?

„Auf jeden Fall wird es nicht mehr so sein wie vorher“, ist Harry überzeugt. „Es wird wirtschaftlich schwieriger werden. Doch gleichzeitig kann es sein, dass die Menschen gerade dann ein besonderes Bedürfnis nach Ablenkung haben und die Theater stürmen. Das war ja früher schon so. Also ja: Ich bin überzeugt, dass es nach der Krise für mich weitergeht – nur vielleicht ein bisschen anders.“

 

Links:

Die Gorillas – Improtheater Berlin: Eine der erfolgreichsten Improgruppen Deutschlands. 

Ratibor Theater: Hinterhof-­Theater in Kreuzberg mit 40-jähriger Geschichte.