Pascale R. (57) ist Psychologin und Coach und lebt in Paris. Normalerweise ist sie beruflich und privat viel unterwegs. Jetzt muss sie umdenken, denn in Frankreich herrscht aufgrund von Corona eine rigide Ausgangssperre. 

Version française: https://menschenportraits.de/corona-en-france-une-interview/

Schriftliches Interview übersetzt aus dem Französischen:

Welche Beschränkungen gibt es in Frankreich und wie geht es dir damit?

Seit dem 23. März dürfen wir unsere Wohnungen nicht mehr verlassen. Raus dürfen wir nur um zur Arbeit oder einkaufen zu gehen, für Arztbesuche, aus dringenden familiären Gründen oder um Sport zu treiben (allein) bzw. zum Gassi gehen. Das alles nur in einem Radius von einem Kilometer von Zuhause und mit einer eidesstattlichen Erklärung zum Ausgehgrund. Alle öffentlichen Plätze und Parks sind geschlossen. Alle nicht systemrelevanten Geschäfte sind zu, aber erstaunlicherweise die Tabak- und Spirituosenhändler nicht. 

Sonnenuntergang Paris
Sonnenuntergang Paris

Meine Wohnung ist ausnahmsweise gerade sehr gut aufgeräumt. Zum Glück habe ich einen sehr schönen Ausblick und viel Sonne. Ich mache täglich eine Stunde Yoga und viel Gymnastik. Es erstaunt mich selbst, dass mir das tatsächlich Spaß macht. Außerdem meditiere ich, stricke, sticke und nähe – zum Beispiel Schutzmasken für die Supermarktkassiererinnen. Ich höre mir Kultursendungen an, schaue Theaterstücke, mache virtuelle Museumsbesuche und besuche Moocs (Massive Open Online Courses), um Neues zu lernen. Aber ich habe weder Netflix noch sonst ein Filmabo. Nur mit dem Lesen klappt es komischerweise nicht. Jeden Tag koche ich mir leckere Gerichte, aber versuche, nicht zu viel zu essen. Keinen Zucker, keinen Alkohol, frische Säfte und viel Gemüse. Ich führe Tagebuch und schreibe mir jeden Tag drei Dinge auf, für die ich dankbar bin. Mit meinen Freunden kommuniziere ich über Telefon oder Internet und ignoriere dabei jegliche Verschwörungstheorien.

Meditation und Yoga

Meine eigenen Sorgen erscheinen mir klein, wenn ich an meine indischen Freunde denke, von denen ich weiß, dass sie für diese Krise überhaupt nicht gerüstet sind. Oft frage ich mich, ob ich sie überhaupt lebend wiedersehen werde. Meditation hilft mir dann, nicht zu viel zu grübeln. Ich bin voller Mitgefühl für die Entwicklungsländer, denen wir nicht wirklich helfen können. 

Wie arbeitest du im Moment und wie wirkt sich die Krise auf deine Klientinnen und Klienten aus?

Da viele meiner Kunden sich sorgen, wie es wirtschaftlich weitergehen soll, wird vieles abgesagt, und ich arbeite insgesamt weniger als vor der Coronakrise. 

Dabei bin ich ja schon länger „Zoom“-Expertin und biete meine Sitzungen als Psychologin und Coach auch als Videokonferenz an. Viele stellen sich momentan die Frage, ob das, was sie tun überhaupt Sinn hat. Sie kämpfen mit den neuen digitalen Herausforderungen oder suchen Möglichkeiten, sich zu entspannen. Viele haben auch Angst zu sterben und haben kein Vertrauen in die Regierung. 

Wir Psychologen haben Online-Modelle für Gruppensessions entwickelt wie zum Beispiel das „Flow Game“, das der besseren Fokussierung dient sowie Regeln für Online-Sitzungen: kurz, klare Agenda, präsent sein. Einmal sollte ich eine Vorlesung für 30 Personen halten, die online dann plötzlich 2000 Zuhörer hatte. Ich war mir nicht sicher, ob ich vor Angst sterben oder mich einfach nur darüber freuen sollte. Manchmal gebe ich Moocs über Verhandlungsstrategien und Permakultur.

Zusätzlich arbeite ich ehrenamtlich als Ansprechpartnerin für Pflegende in Krankenhäusern und unterstütze die Obdachlosenküche direkt neben meiner Wohnung in Paris. Bei dieser Arbeit ist mir noch einmal bewusst geworden, was Menschen an anderer Stelle tagtäglich leisten müssen. Körperlich war ich schon nach vier Stunden vollkommen fertig. 

Wie hat sich die Haltung der Franzosen gegenüber den neuerdings als systemrelevanten eingestuften Berufen verändert? Glaubst du, die Krise wird dazu führen, dass man endlich bessere Gehälter zahlt?

Ich finde es sehr berührend, dass die Relevanz der „kleinen Leute“ endlich erkannt wird. Denn sie sorgen dafür, dass alles funktioniert – die Pflegenden, aber auch die Müllfahrer, die Zusteller, die Menschen bei den Wasserwerken und Energieunternehmen, die Postboten und all die anderen Dienstleister. Wir applaudieren abends um 20 Uhr den Pflegekräften, Sportler spenden Geld und unser ultra-liberaler Präsident hat damit begonnen, die Leute zu grüßen, denen er vor zwei Monaten noch die Armee auf den Hals geschickt hat (Gelbwesten). 

Macron verspricht Krankenhäuser besser auszustatten, nachdem er sie in den vergangenen drei Jahren rücksichtslos kaputtgespart hat. Wir haben jetzt ein großes Problem mit fehlenden Schutzmasken, Coronatests und Sedierungsmitteln, und was die Regierung sagt, ist nicht wirklich vertrauenserweckend. Und doch beobachte ich eine gewisse Trendwende – vielleicht auch nur, weil ich es so sehen will. Ja, die Pflegekräfte haben eine Prämienzahlung bekommen, aber gleichzeitig wird auf eine beschämende Art über Dividendenausschüttungen bei Unternehmen diskutiert …

Hast du das Gefühl, dass sich die Menschen in der Krise näher gekommen sind?

Das hängt ganz davon ab, mit wem man zu tun hat. Die einen sehen schon, dass man sich zum Beispiel mehr um die Umwelt kümmern und die wahren Werte in den Fokus rücken sollte. Aber die, die aus den Städten geflohen sind und dabei den Virus auf Inseln oder kleine Dörfern gebracht haben, die sind sehr weit weg von all diesen Solidaritätsbewegungen. Die verdienen aus sicherer Entfernung einfach weiter ihr Geld als wäre nichts geschehen.

Es gibt erschreckende Interviews mit Menschen mit wirtschaftlichem Einfluss, die einfach so weiter machen wollen wie bisher. Und die, die davon träumen, sofort nach dem Ende der Ausgangssperre wieder in die Kneipe zu gehen, haben nichts verstanden. Ich gehe zwar wenig raus, aber wenn doch, merke ich, dass die Menschen weggucken und sich aus dem Weg gehen. Dabei liebe ich genau das: mein Gegenüber ansehen und gute Gespräche führen können. Das ist momentan leider nicht möglich. 

(Anmerkung: Auf Wunsch von Pascale erscheint dieser Beitrag ausnahmsweise ohne Foto und vollständigen Nachnamen).