Vor zwei Jahren hatte Christian Junge (55) seinen letzten Arbeitstag bei Air Berlin. Seitdem arbeitet er als Yogalehrer und wollte im März endlich ein eigenes Studio eröffnen. Dann kam Corona. 

Gespräch vom 30. März 2020

Christian sieht entspannt aus am Bildschirm und lächelt, obwohl er – wie viele andere – noch nicht weiß, wie es weitergehen wird. Immerhin: Am Samstagabend kam eine Mail von der Investitionsbank. Er hofft, dass er Soforthilfe bekommt, um die Coronazeit überbrücken zu können.

Was hat sich für dich durch Corona beruflich geändert?

„Ich hatte gerade einen Mietvertrag für mein „Yoga-Cottage“ in Berlin-Wittenau unterschrieben und schon alles umgebaut. Mitte März wollte ich eröffnen und mit meinen Kursen beginnen, doch das durfte ich aufgrund von Corona nicht mehr. Ich habe mir dann überlegt, was ich stattdessen machen könnte und biete meine Kurse jetzt als Videokonferenz an.“ Christian nutzt dafür sein Handy mit der App „Zoom“, über die seine Teilnehmer zugeschaltet sind und ihn auf dem Bildschirm sehen können.„Es ist sehr ungewohnt, ohne Menschen in einem hallenden, leeren Raum zu unterrichten. Mir fehlt der direkte Kontakt, über den ich spüren würde, was jeder gerade von mir braucht.“ Doch stößt sein Angebot auf große Resonanz: „Die Menschen sind dankbar. Sie tun etwas von Zuhause, aber doch mit anderen zusammen und fühlen sich nicht mehr so isoliert. Yoga hilft ihnen, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen und weniger über Corona nachzudenken.“

Wie gehst du mit der Coronakrise um?

„Ich versuche gelassen zu bleiben und nehme es einfach hin, wie es kommt. Durch Yoga, Atemübungen und Meditation bekomme ich die dafür notwendige innere Ruhe. Yoga hat mir auch schon in meinem früheren Beruf bei Air Berlin sehr geholfen. Ich war dort im 24-Stunden-Schichtbetrieb in der Verkehrszentrale und musste plötzlich auftretende Probleme lösen – Rauch im Cockpit, Flugzeug kaputt – solche Dinge. Da ging der Stresspegel innerhalb von einer Minute von 0 auf 100 hoch, weil es immer wahnsinnig schnell gehen musste. Ohne Yoga hätte ich das gesundheitlich nicht so gut ausgehalten.“

Bist du trotz der aktuellen Lage froh, dich selbständig gemacht zu haben?

„Im Grunde genommen kann ich wirklich froh sein, dass es so gekommen ist. Schon während meiner Zeit bei Air Berlin wollte ich mich umorientieren, bin auf Teilzeit gegangen und habe angefangen, Yogakurse zu geben. Dann kam sehr schnell die Insolvenz von Air Berlin und ich stand vor der Wahl, bei der Germania anzufangen, einen Festvertrag bei einer Yogaschule zu unterzeichnen oder einen Mietvertrag für eigene Räume abzuschließen. Was mit der Germania passiert ist, wissen wir ja und dass ich mich also für die Selbständigkeit und eigene Räume entschieden habe, bereue ich keinen Tag. Intuitiv habe ich den richtigen Weg eingeschlagen und tue endlich Dinge, die viel besser zu mir passen. Selbst ohne Marketing und Werbung scheint sich alles zu fügen, und trotz der Unterbrechung im Moment bleiben mir viele meiner Stammkunden weiter treu. Sie warten darauf, dass ich eröffnen kann und nutzen stattdessen mein Online-Kursangebot.“ 

Nachdenklich fügt Christian noch hinzu: „Doch ohne Rücklagen, hätte ich mich wohl nicht getraut. Wer weiß, ob die Bank jemandem in meinem Alter überhaupt noch einen Kredit gegeben hätte.“ Er grinst verschmitzt und trinkt einen Schluck Kaffee aus einem riesigen Becher – oder wirkt der nur so? Ich bekomme Durst. 

Und wie geht es weiter?

„Ich könnte mir vorstellen, dass nach der Kontaktsperre alle einen wahnsinnigen Nachholbedarf haben. Durch Yoga kommen die Menschen besser mit unserer stressigen Welt zurecht. Sie spüren sich wieder, sehen die Dinge klarer und fahren ihr Gedankenkarussell herunter. Und deshalb könnte gerade Yoga explodieren – das hatte sich vorher schon abgezeichnet. Gleichzeitig könnte es aber auch sein, dass vielleicht viele Menschen durch die Krise finanziell in Schwierigkeiten geraten sind. Ich werde ein Preismodell anbieten, das verschiedene Varianten enthält und sich nach den Möglichkeiten der Kunden richtet.“

Christian ist optimistisch. Alles wird gut. 

 

Link:

Yoga Cottage: Während der Coronakrise kann man dort Christians Online-Kurse buchen und seinen Newsletter abonnieren.