Manuelle Castellaro (56) verlor durch Corona ihren Vater – plötzlich und vollkommen unerwartet. Ihr Vertrauen in die französische Regierung war schon durch das brutale Eingreifen der Polizei bei den Gelbwesten-Demos erschüttert. Seit der Corona-Krise ist es nun völlig dahin. 

Version française: https://menschenportraits.de/manuelle-castellaro

Schriftliches Interview, übersetzt aus dem Französischen:

Dein Vater ist an COVID-19 gestorben. Das ist unter normalen Umständen bereits furchtbar, aber mit einer Kontaktsperre umso brutaler. Wie ist es dir dabei ergangen?

Mein Vater ist 79 Jahre alt geworden. Es ist sehr hart. Wir haben uns sehr geliebt, waren aber zu ungeschickt, um es uns zu sagen. Er hatte überhaupt keine Chance gegen das Virus als ehemaliger Raucher, der gern viel isst und trinkt und sich zu wenig bewegt. Er war voller Lebensfreude, lustig mit wachem Geist und ging mir durchaus auch manchmal auf die Nerven. Wir haben uns oft gesehen und immer miteinander telefoniert. Es fällt mir schwer, seinen Tod zu akzeptieren und er wird mir einfach wahnsinnig fehlen. Letzten Montag (Anm. Red: 23. März) ging es ihm noch gut und wir haben Pläne gemacht für den Frühling und den Sommer. Das ist so traurig. Er hatte überhaupt keines der zu erwartenden Symptome, war nur müde und hatte ein bisschen Durchfall. Wir haben das alles aus der Ferne verfolgt und regelmäßig gefragt, wie es ihm geht. 

Als wir ihn dann an einem Nachmittag nicht erreichen konnten, haben wir den Notarzt gerufen, der hat dann die Feuerwehr geschickt. Mein Vater saß ganz ruhig vorm Fernseher, hatte aber ein bisschen Fieber, deshalb haben sie ihn vorsichtshalber ins Krankenhaus mitgenommen und dort auf Corona getestet – positiv. Wir dachten eigentlich eher an eine Dehydrierung und eine verschleppte Magen-Darminfektion. Sein Zustand hat sich dann im Krankenhaus innerhalb von nur vier Tagen extrem verschlechtert. 

„Wir durften ihn für 30 Minuten sehen.“

Wir durften ihn nur noch ein einziges Mal sehen. Dafür sind wir 300 km in seine Region nach Haute Savoie ins Krankenhaus gefahren, alles komplett illegal aufgrund der Ausgangssperre. Es war reines Glück, dass wir weder auf dem Hin- noch auf dem Rückweg kontrolliert wurden. Obwohl es eigentlich verboten war, hat uns das Krankenhaus ausnahmsweise erlaubt, meinen Vater noch einmal für 30 Minuten zu sehen – natürlich nur mit Schutzkleidung. Wir haben alle so getan, als wäre alles in Ordnung, mein Vater sprach nicht vom Tod, sondern machte Pläne, sagte, dass er sich bei uns ausruhen würde, wenn er aus dem Krankenhaus entlassen würde. Es war schwer auszuhalten, aber wir haben alle gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Kurz danach haben sie ihn in ein künstliches Koma versetzt. Wenige Tage später ist er gestorben. Allein. 

Wir konnten ihn noch nicht einmal auf seinem letzten Weg begleiten. Mein Vater wollte eine Feuerbestattung, doch Trauerfeiern sind ja verboten. Glücklicherweise arbeitet meine Tochter für ein Bestattungsunternehmen. So konnte wenigstens sie dabei sein und hat Fotos von uns allen auf den Sarg gestellt. Wir wollen den Abschied irgendwie nachholen und haben uns vorgenommen, das am Wochenende des 15. August in Haute Savoie zu tun. Wir werden alle zusammenkommen, um ihm zu gedenken und seine Asche zu verstreuen. 

Glaubst du, der Tod deines Vaters hätte verhindert werden können?

In Frankreich haben wir Corona lange verleugnet, was an den ganzen paradox wirkenden Anordnungen der Regierung lag („die Lage ist schlimm, aber nicht zu sehr“, „bleibt zuhause, aber geht wählen“, „bleibt zuhause, aber geht arbeiten“). Viele haben daher gedacht, „wird schon nicht so schlimm sein“. 

Die Regierung hatte aber bereits vorher das Vertrauen vieler Franzosen verloren. V.a. nach dem brutalen Durchgreifen der Polizei bei den Demonstrationen der Gelbwesten, dem offensichtlichen Machtmissbrauch. Hinzu kamen die vielen freiheitsbeschränkenden Gesetze, die nach und nach verabschiedet wurden.

„Wir fanden diese Sorgen vollkommen übertrieben.“

Chinesische Freunde von mir haben überhaupt nicht verstanden, wieso wir alle so sorglos ohne Maske herumliefen und uns sogar Begrüßungsküsschen gaben, als sei nichts geschehen. Das war noch in der Woche, bevor die Ausgangssperre verhängt wurde. Wir fanden diese Sorgen vollkommen übertrieben. Wenn ich jetzt zurückblicke, denke ich, dass wir uns besser geschützt hätten, wenn wir gewusst hätten, wie schlimm diese Pandemie wirklich ist. Ich hätte darauf bestanden, dass mein Vater während der Ausgangssperre zu uns kommt und seine Gewohnheiten ändert – auch, wenn das mit 79 natürlich nicht einfach ist. Dass er wenigstens nicht mehr einkaufen geht oder sich mit seinen Freunden in einer Bar zum Aperitif trifft. 

Du arbeitest für ein großes öffentliches Unternehmen mit sehr viel Publikumsverkehr in verschiedenen Agenturen. Wie war das Krisenmanagement aus deiner Sicht? 

Département Rhône Alpes
Département Rhône Alpes

Ich konnte sofort nach der Ausgangssperre ins Homeoffice, aber fünfzehn meiner Kollegen nicht. Sogar in der zweiten Woche waren noch zehn von ihnen vor Ort. Ihr einziger Schutz: einige Fläschchen Desinfektionsmittel, die seit 2018 abgelaufen waren. Einige meiner Kolleginnen war sehr verängstigt. Alle Gewerkschaften sind auf die Barrikaden gegangen und haben gefordert, dass man unsere Agenturen schließt, aber ohne Erfolg. Ergebnis: 21 Erkrankte in den Agenturen der Region Rhône Alpes. Direkt bei uns sind fünf Menschen an COVID-19 erkrankt, davon drei sehr schwer. Offiziell hieß es dann, es sei niemand bei uns in den Niederlassungen der Drôme-Region erkrankt, was wohl nur daran lag, dass niemand getestet wurde. 

„Das hat mich alles an die Nürnberger Prozesse erinnert.“

Homeoffice
Manu im Homeoffice

Ich habe mich schuldig gefühlt, weil ich gleich von Anfang an im Homeoffice arbeiten durfte. Ich hatte das Glück, dass ich schon mit allem ausgestattet war. Ich musste dabei an meine Kollegen denken, die sich im ständigen Publikumskontakt weiter der Ansteckungsgefahr aussetzen mussten und habe deshalb an die Geschäftsleitung geschrieben. Dass mich das alles an die Nürnberger Prozesse erinnern würde, wo auch jeder sagte, er habe schließlich nur Befehle ausgeführt. Dass jetzt unsere Fähigkeit gefragt wäre, falsche Anweisungen in Frage zu stellen, dass es eine Pflicht des Ungehorsams geben müsse. Natürlich hat mein Brief für Aufregung gesorgt, aber ich fühle mich jetzt wenigstens besser. 

Im Homeoffice hat anfangs überhaupt nichts funktioniert. Die Server waren nicht für soviel Datenverkehr ausgelegt. Es gab ständig Probleme, und wir konnten eigentlich erst ab der zweiten Woche überhaupt arbeiten. Dann hat meine Direktorin Videokonferenzen per Skype eingeführt, und wir konnten endlich erfahren, wie es den anderen ging. Es war schön, wieder in Kontakt zu sein, aber viel Nützliches für die Arbeit wurde nicht gesagt. Ich habe gemerkt, dass viele meiner Kollegen es sehr vermissten, nicht mehr im Büro und im persönlichem Kontakt mit den anderen zu sein und dass sie schnell wieder an den Arbeitsplatz zurück wollten. 

Ehrlich gesagt, ich überhaupt nicht. Immer zwei oder drei Tage Homeoffice pro Woche wären perfekt für mich. 

Wie hältst du die strenge Ausgangssperre aus?

Für mich ist das alles sehr leicht zu ertragen. Für meinen Mann nicht, denn er treibt gern Sport, fährt viel Rad (es ist jetzt ein Vorteil, wenn man unsportlich ist), und ihm fehlt die Familie. Wir versuchen einen regelmäßigen Tagesablauf einzuhalten, essen gesund, ziehen uns was Richtiges an, auch, wenn wir ja nicht rausgehen. Als Paar sind wir uns eher näher gekommen. Man muss aber aufpassen, dass man nicht zu sehr zu „Kumpeln“ wird. Das ist gar nicht leicht, wenn man ständig alles miteinander teilt. 

Mit der Familie bleiben wir über Skype in Kontakt oder per Messenger. Das ist irgendwie lebendiger als SMS oder Telefonieren, was uns vorher komischerweise absolut gereicht hat. Mir fehlen vor allem meine Kinder. 

Und wir sind natürlich privilegiert: Genug Platz, ein bisschen Homeoffice, viel Zeit, keine kleinen Kinder, um die wir uns kümmern müssen, ein Garten. Es ist alles viel schwerer für die, die mit Kindern in der Stadt leben müssen.