Es fängt schon damit an, dass Leute streiten, ob es „zu“ Weihnachten oder „an“ Weihnachten heißt. Ich als Berlinerin bestehe auf „zu“ Weihnachten und filtere Zugereiste allein aufgrund dieser Präposition untrüglich heraus. Sogar in der Berliner Abendschau sagen diese jungen Moderatoren-Schnösel jetzt immer öfter „an“ Weihnachten. Kopfschüttelnd sitze ich dann vor dem Fernseher, in meine warme Wolldecke gehüllt, mit Pantoffeln an den Füßen, Marzipankartoffeln verzehrend mit nem Gläschen Düjardäng dabei und weiß: „Früher war dit allet besser! Da hamm noch rischtje Balina moderiat.“

Was ich an (ja, hier darf man „an“ sagen!) Weihnachten mag? Ehrlich gesagt hauptsächlich, dass man ganz viel Süßigkeiten essen kann, mehrere Tage hintereinander frei hat und überall Kerzen brennen. In früheren Jahren habe ich meistens Fotos digital sortiert, Karten gestaltet und sogar geschrieben oder super spannende Bücher gelesen. Schlimm waren die Jahre mit Harry Potter und Stieg Larsson, da bin ich nach dem Geschenkeauspacken mehrere Tage nicht mehr aus dem Pyjama rausgekommen.

Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht. Albert Schweitzer

Dann gab es auch Jahre, wo ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe, als Weihnachten allein und ohne Menschen verbringen zu dürfen. Einmal ist es mir tatsächlich gelungen – das ist aber schon ewig her. Ich habe einfach nur das gemacht, wozu ich Bock hatte. Zum Beispiel eine Meeresfrüchtesuppe kochen, alle Crottendorfer Räucherkerzen-Sorten ausprobieren, meinen Kleiderschrank aussortieren, laute Rockmusik hören und Glühwein trinken. Wenn ich dann jemandem erzählte, dass ich Weihnachten allein verbracht hatte, hagelte es „oh neiiiiins“ und „wie schrecklichs“. Offenbar deckt sich meine Auffassung von Weihnachten nicht mit den Vorlieben der meisten anderen Menschen, die am liebsten in großen Gruppen zusammenhocken, sich komplizierte Gerichte von der Gastgeberin servieren lassen und danach in die Kirche rennen, obwohl sie schon vor Jahrzehnten ausgetreten sind, um Steuern zu sparen.

Ich mag durchaus die Weihnachtszeit, aber ich würde mir nie deswegen unnötigen Stress machen. Wer Freude daran hat, alte Bräuche aus der Kinderzeit weiterzuführen: nur zu. Wer gerne Weihnachtslieder singt und Lametta am Baum mag: bitte, nur los! Wer es toll findet, stundenlang in der Küche zu stehen, gerne backt, knetet und bastelt: ja super! Und natürlich, wer meint, dass zu Weihnachten alles perfekt sein muss, weil es eben ein ganz besonderes Fest ist: Alles klar, dann muss es wohl so sein.

Was mich betrifft, so genieße ich Zeit ohne Verpflichtungen – sei es beruflich oder familiär. Wer Familie hat, sollte sich sowieso nicht nur zur Weihnachtszeit um sie kümmern, wenn sie einem wichtig ist. Doch oft wird nur einmal im Jahr das „Fest der Liebe“ inszeniert, mit opulenter Bühnendeko und sehr guten Masken. Selbst das längst vergessene christliche Gewand wird aus der Kiste geholt, der Staub abgeklopft und für das Weihnachtsstück noch einmal übergezogen. Meistens ist alles etwas zu eng geworden und der ein oder andere Knopf muss aufbleiben, doch mit einem Mantel darüber fällt es gar nicht weiter auf. Hauptsache von außen sieht es gut aus, denn das gehört dazu – so feiert „man“ eben Weihnachten. Zu Weihnachten sind alle glücklich, gläubig, froh und friedlich.

Manchmal finde ich, könnte es gern weniger Lametta und mehr Ehrlichkeit sein. Nur weil man etwas mit dickem Zuckerguss überzieht, heißt es nicht automatisch, dass es für alle gut ist und schmeckt. Und nur, weil ein Stück schon immer so gespielt wurde, müssen wir doch nicht mitklatschen, wenn es uns nicht gefällt.

Zu viel des Guten kann wunderbar sein. Mae West

So und nun noch einmal fürs Tagebuch, damit ich mich selbst rechtzeitig daran erinnere: Im nächsten Jahr, falls Corona oder eine andere Seuche nicht mehr alles beherrschen sollte, wünsche ich mir ein Weihnachtsfest mit lieben Menschen, egal ob Familie oder nicht. Jede/r bringt etwas zu essen mit, niemand muss stundenlang vorbereiten. Es gibt eine lange Tafel und Musik, vielleicht sogar weihnachtlich, aber nicht ausschließlich. Wer singen möchte, darf singen, wer nicht, hält den Mund und trinkt. Wir reden nicht über „mein Haus“, „mein Auto“, „mein Job“, „meine Partei“, sondern sind albern, werfen Konfetti und drehen lustige Videos, die NIEMAND online stellen darf. Wer sich verkleiden möchte, darf das. Ich werde mich NICHT verkleiden. Wir tun nichts, was wir nicht tun möchten, nur weil jemand anderer findet, das müsse „man“ so machen. Es gibt Weihnachtsdeko. Sehr, sehr viel Weihnachtsdeko. Pyramiden, Räuchermännchen, Sterne Weihnachtsbaum, Kugeln, Weihnachtsbären mit Magnetpfoten, Erzengel mit abgebrochenem Arm, Elefanten-über-Teelicht-Kerzenhalter, Plüschweihnachtsmann mit Geschenkesack auf dem Sofa, Weihnachtsmützen, Nussknacker, Adventskranz, Bärte und Engelsflügel. Und: Jeder bringt eine Karte mit, auf der steht, was man an den anderen mag (so viele Karten, wie man möchte). Das darf auch gern vor Ort (auf dem Klo zum Beispiel) ausgefüllt und heimlich an den Weihnachtsbaum gehängt werden.

Anmeldungen zum Fest 2021 nehme ich gern entgegen.